Welches Auto hat die beste Klimabilanz?

 

»Eigentlich lässt sich die Frage ganz klar beantworten: Gar kein Auto. Die Herstellung eines Autos verschlingt große Mengen an Rohstoffen und Energie, wobei wiederum große Mengen an klimaschädlichen Treibhausgasen freigesetzt werden. Anfang des Jahres 2019 gab es in Deutschland 47, 1 Millionen Pkws [Kba19]. Auf 1,7 Einwohner kam bereits ein Auto. Wollte man den deutschen Lebensstil auf den Rest der Welt übertragen, bräuchte man für die 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde rund 4,5 Milliarden Autos. Dafür müsste die Zahl der Autos weltweit rund verdreifacht werden. Es ist schwer vorstellbar, wie so wirksamer Klimaschutz realisiert werden soll und woher die dafür nötigen Rohstoffe stammen sollen, egal welcher Antrieb für die Autos dabei am Ende verwendet wird. Wollen wir die Klimakrise in den Griff bekommen, müssen der öffentliche Personenverkehr sowie die Fahrradinfrastruktur schnell und umfassend ausgebaut und intensiv genutzt werden sowie Konzepte zur wirksamen Verkehrsvermeidung erstellt und erfolgreich umgesetzt werden. Es gibt aber trotzdem viele Menschen, die können oder wollen nicht auf ein Auto verzichten.

In den letzten Monaten wurde sehr intensiv die Frage diskutiert, welcher Antrieb die beste Klimabilanz hat. Verschiedene Studien wie die vom ifo Institut [Buc19] oder dem ADAC [ADAC18] bescheinigen dem Diesel eine genauso gute oder gar bessere Umweltbilanz wie dem Elektroauto mit Batterie. Viele Studien mit dieser Aussage gibt es allerdings nicht und bei den genannten Studien wurden verschiedene systematische Fehler entdeckt [Haj19][Sei19]. Andere Studien sehen das Elektroauto mit Batterie eindeutig vorne [Reg19][ifeu19].

Fakt ist aber auch, dass das Elektroauto beim Laden mit dem deutschen Strommix trotzdem nur geringfügig besser abschneidet. Das Elektroauto hat zwar eine deutlich höhere Effizienz und verursacht trotz des immer noch hohen deutschen Kohlestromanteils weniger klimaschädliches Kohlendioxid pro Kilometer. Bei der Herstellung des Elektroautos entstehen allerdings auch mehr Treibhausgase, da für die Batterie zusätzliche Herstellungsenergie benötigt wird. Erst beim Laden mit reinem Ökostrom ist die Klimabilanz des Elektroautos deutlich besser. Aber auch hier muss man erst einige zehntausend Kilometer fahren, bis das Elektroauto die zusätzlichen Treibhausgase von der Batterieherstellung wieder eingespart hat. Für den Laien ist es angesichts der widersprüchlichen Studien schwer, ein eindeutiges Urteil zu fällen, welches mit Blick in die Zukunft ganz klar gegen den Diesel spricht.

Auch wenn das Elektroauto den Diesel heute in Bezug auf die Klimabilanz noch nicht um Längen schlägt, gibt es dennoch einige sehr gewichtige Gründe, sich möglichst bald vom Diesel zu verabschieden. Wollen wir die Klimakrise noch einigermaßen in den Griff bekommen und in Deutschland das Pariser Klimaschutzabkommen einhalten, müssen wir bis zum Jahr 2035 vollkommen klimaneutral werden [Rah19]. Das bedeutet, wir dürfen dann gar kein Kohlendioxid durch den Autoverkehr mehr verursachen. Mit dem Diesel kann dies nicht gelingen. Die Möglichkeiten der Kohlendioxideinsparungen durch Effizienzgewinne sind sehr begrenzt. Das Potenzial für Biomassetreibstoffe ist so gering, dass der Dieselbedarf nicht einmal ansatzweise gedeckt werden kann [Qua16]. Theoretisch ließen sich auch alternative Treibstoffe als Ersatz für den aus fossilem Erdöl gewonnenen Diesel klimaneutral durch erneuerbare Energien herstellen. Durch die damit verbundenen großen Verluste würde der Bedarf an Solar- und Windstrom explosionsartig ansteigen und diese Treibstoffe wären sehr teuer. Außerdem bleibt die Stickoxidproblematik auch beim Austausch der Treibstoffe erhalten. Es gibt aus heutiger Sicht also keine Option, den Diesel im notwenigen Zeitrahmen zu vertretbaren Kosten klimaneutral zu machen. Da die Lebensdauer von Autos 10 bis 15 Jahre beträgt, sollte darum die Produktion neuer Dieselfahrzeuge möglichst in den nächsten 5 Jahren gestoppt werden.

Anders ist die Perspektive beim Elektroauto: Werden bei der Herstellung und beim Laden ausschließlich erneuerbare Energien verwendet, ist die völlige Klimaneutralität greifbar. Probleme wie der große Ressourcenverbrauch, Inanspruchnahme von öffentlichem Raum, verstopfter Innenstädte oder Feinstaub durch den Reifenabrieb bleiben aber auch beim Elektroauto bestehen.«

(Volker Quaschning, Photo by Anouk Fotografeert on Unsplash)