Fossile Energien bedrohen 1,5-Grad-Ziel

»Die CO2-Emissionen müssen drastisch gesenkt werden, wenn die Klimaziele von Paris noch erreicht werden sollen. Wissenschaftler haben ausgerechnet, was das bedeutet.

Die Klimaschutzziele von Paris sind fast nicht mehr zu erreichen: Nach neuen Berechnungen von Forschern um Steven Davis von der University of California in Irvine, dürften dafür ab sofort keine CO2-emittierenden Anlagen mehr in Betrieb genommen werden. Dies betreffe auch den Neubau von Kohlekraftwerken.

Die weltweite Durchschnittstemperatur steigt immer weiter, nur noch durch drastische Maßnahmen ist es möglich, den Anstieg auf 1,5 Grad zu beschränken. Von 2050 an darf die Menge CO2 in der Atmosphäre gar nicht mehr steigen.

Davis und seine Kollegen haben berechnet, wie viel Kohlendioxid Anlagen aus dem Kraftwerks- und Industriesektor, aber auch der Verkehr und Privathaushalte bis 2070 noch ausstoßen werden, wenn die derzeit laufenden Kraftwerke und Anlagen bis zum Ende ihrer Lebenszeit weiterbetrieben werden.

Ihr Ergebnis: Es werden weitere rund 658 Gigatonnen CO2 freigesetzt. Den größten Anteil hat die Produktion von Elektrizität. China stößt mit 41 Prozent und 270 Gigatonnen CO2 absolut die größte Menge aus. Pro Kopf ergeben sich andere Werte.

Bezogen die Forscher Kraftwerke und Industrieanlagen ein, die derzeit geplant oder gebaut werden, kommen sie weltweit sogar auf rund 846 Gigatonnen Kohlendioxid, wie sie im Fachmagazin „Nature“ berichten.

Zur Einordnung: Um zu verhindern, dass die weltweite Temperatur im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um nicht mehr als 1,5-Grad ansteigt, dürfen laut Weltklimarat nur noch rund 420 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre gelangen. Die Organisation geht allerdings davon aus, dass die Erhöhung um 1,5 Grad schon in den Jahren von 2030 bis 2052 erreicht wird, wenn die Emissionen nicht schneller gesenkt werden.

Für Deutschland gilt laut Experten: „Keine weitere Verzögerung beim Kohleausstieg“

Die Ergebnisse der aktuellen Studie zeigten, dass keine neue CO2-emittierende Infrastruktur errichtet werden dürfe, wenn die internationalen Klimaziele erfüllt werden sollen, sagt Davis. Gleichzeitig müssten bestehende Kraftwerke und Industrieanlagen früher stillgelegt werden, sofern sie nicht mit neuer Technik nachgerüstet werden können, um Kohlendioxid gar nicht erst auszustoßen.

Emissionen könnten auch ausgeglichen werden, indem CO2 aus der Atmosphäre geholt werde. Solche Techniken seien bislang aber noch nicht breit einsetzbar.

Experten sehen beim Klimaschutz auch Deutschland in der Pflicht. Weitere Verzögerungen beim Kohleausstieg seien „weder klimapolitisch noch wirtschaftlich sinnvoll“, erklärt Sabine Fuss vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin, die nicht an der aktuellen Studie beteiligt war. Besser als darauf zu hoffen, CO2 irgendwann wieder aus der Luft holen zu können, solle man es lieber gar nicht erst ausstoßen.

Niklas Höhne, Leiter des New Climate Institute in Köln und Professor für Klimaschutz an der Universität Wageningen (Niederlande), betont, dass Deutschland Technologien voranbringe, um günstigen Strom aus Sonne und Wind zu gewinnen, die dann von anderen genutzt werden könnten. Auch deshalb spiele es eine zentrale Rolle. „Nur wenn Deutschland der Kohleausstieg gelingt, können auch andere Länder davon überzeugt werden, dasselbe zu tun“, so Höhne.

Schon jetzt hat sich die Erde der Weltwetterorganisation (WMO) zufolge um etwa ein Grad erwärmt, Deutschland sogar noch etwas stärker. Die Folgen sind zunehmend spürbar: Gletscher schmelzen, in vielen Regionen gibt es häufiger extreme Niederschläge, aber auch Hitzewellen. Die Jahre 2015 bis 2018 waren der WMO zufolge die vier wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert. Und die 20 wärmsten lagen in den vergangenen 22 Jahren.

Geht es weiter wie bisher, leben die Menschen Ende dieses Jahrhunderts wohl in einer gut drei Grad wärmeren Welt.«

(Der Spiegel 1. Juli 2019, Photo by Val Vesa on Unsplash)