»Wir dürfen keine neuen Straßen bauen«

»Laut einer neuen Studie droht der Erde eine Heißzeit. Was tun gegen den Klimawandel? Der Klimaforscher Michael Kopatz plädiert dafür, mehr Verkehr auf die Schiene zu verlegen. Zudem müsste die Autoindustrie in die Verantwortung genommen werden, sagte er im Dlf. Wenn die prognostizierte Heißzeit eintrete, werde ein Sommer wie in diesem Jahr eine Selbstverständlichkeit, meint Kopatz. Ein Stopp des Straßenausbaus sei deswegen das Mindeste, wenn man sich selbst und den Klimawandel ernst nehmen wolle. Jede neue Straße führe zu mehr Güterverkehr.

Michael Kopatz im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Armbrüster: Sie beschäftigen sich ja gerade mit solchen Lösungen sehr viel. Wo sehen Sie denn eine Möglichkeit, was können wir sozusagen politisch, aber auch im Alltag tun, um diese Art von Klimawandel noch abzuwenden?

Kopatz: Das, was man im Alltag tun kann – man hat natürlich enorme Möglichkeiten. Aber dass alle Bürger das machen in Deutschland und der Europäischen Union, einfach so aus Altruismus, weil sie denken, ich muss jetzt endlich was unternehmen, die Hoffnung habe ich aufgegeben. Wichtig ist, festzuhalten, es helfen – also wir haben uns ja verpflichtet in Deutschland, zusammen mit über hundert anderen Staaten, dass wir unsere CO2-Emissionen um 80 Prozent verringern. Gerade emittiert ein Deutscher im Schnitt ungefähr zehn bis elf Tonnen CO2 im Jahr. Und wir wollen das auf 1,5 Tonnen im Jahr verringern. Und das ist nicht allein mit Technik zu schaffen, also nicht allein mit erneuerbaren Energien und Effizienz. Das machen wir alle schon seit 30 Jahren. Die Technik allein reicht nicht. Wir brauchen kulturelle Veränderungen, eine Veränderung unserer Routinen und Gewohnheiten. Das ist das erste, was wichtig ist. Und das zweite ist, dass genau diese Veränderung dieser Gewohnheiten und unserer Routinen – das kommt nicht in die Welt durch noch mehr Bildung und noch mehr Appelle. Dafür müssen sich die Verhältnisse ändern. Dann verändert sich auch das Verhalten.

Armbrüster: Das müssen Sie erklären. Was muss sich dann verändern, damit wir solche Routinen anwenden?

Kopatz: Mal bezogen auf den Verkehrsbereich, weil das ist das, was mir jetzt wirklich am Herzen liegt in den letzten Jahren, dort haben wir keinerlei Fortschritte erzielt. Überall wird von Klimaschutz geredet und von Elektroautos, aber im Verkehrsbereich sind die CO2-Emissionen null Prozent zurückgegangen, also null Erfolge im Endeffekt. In anderen Bereichen haben wir viel mehr erreicht. Bei Produkten, bei Häusern, aber im Verkehrsbereich nicht. Und wofür ich plädiere – oder ich sag mal so: Eine ganz fatale Botschaft ist zu sagen, die Verkehrswende muss in den Köpfen stattfinden. Dann liegt alle Verantwortung beim Konsumenten. Und der Produzent, der die ganzen SUVs und die schweren Fahrzeuge herstellt, der kann nichts dafür. Und ich sagen, wir müssen die Produktion verändern und die Verhältnisse, und das heißt zum Beispiel, wir dürften im Grunde keine neuen Straßen bauen. Jede neue Straße wird dafür sorgen, dass noch mehr Güter auf der Straße transportiert werden. Der Lkw-Verkehr hat um 30 Prozent zugenommen, und er soll noch mal um 30 Prozent zunehmen. Und kein Spediteur wird seine Routine verändern und Güter auf die Bahn verlegen, wenn man die Straßen immer weiter ausbaut. Wir müssen die Bahn ertüchtigen. Und das andere, das ist ein Limit, für das ich plädiere, und die Öko-Routine argumentiert auch mit Standards. Dass wir also die Standards für Autos – wir haben jetzt schon eine Vorgabe, wie viel CO2 ein Fahrzeug emittieren darf, zumindest für die Flotte eines Herstellers, dass wir diese Standards schrittweise anheben. Dann hätten wir nach dem Jahr 2030 schrittweise – dann wäre das Null-Emissions-Auto Standard, und zwar in der gesamten Europäischen Union.

Armbrüster: Diese Standards werden ja schon ständig angehoben, wir hören auch immer, dass die Autoindustrie darunter ächzt. Gleichzeitig befindet sich natürlich diese Industrie auch gerade in einem enormen Umbruch. Sie haben es angesprochen. Elektromobilität ist ein Riesenschlagwort, und es wird immer wieder prophezeit, dass da in den kommenden Jahren die Wende stattfindet. Wenn nun dann der Autoverkehr komplett nur noch auf elektrischem Strom beruht, und wir erleben ja jetzt auch gerade, dass zum Beispiel auch Lkws, E-Lkws kommen. Dann hätte sich dieses Problem doch eigentlich, ließe sich doch relativ schnell erledigen.

Kopatz: In der Theorie ja. Jetzt wird es aber schwierig. Wir haben ja zum Beispiel in den letzten zehn Jahren noch mal fünf Millionen zusätzliche Autos auf den Straßen stehen. Wenn Sie jetzt 45 Millionen Autos und dann noch die Lkws elektrisch betreiben wollen, und das alles mit erneuerbaren Energien – das wird knapp, sage ich mal. Es ist so ohne Weiteres nicht zu schaffen. Aber die Szenarien, die ich kenne, sagen, halb so viele, wie wir sie jetzt haben, und die elektrisch betrieben, und zwar mit erneuerbaren Energien, das ist ein realistisches Szenario. Wichtig ist dafür auch, dass dann die Güter auf die Bahn verlegt werden, weil die ist schon elektrisch, und die hat ganz geringe Reibungsverluste. Und der Zuwachs, der noch stattfinden wird im Güterverkehrsbereich, der sollte allein auf der Bahn stattfinden.

Armbrüster: Sie haben noch einen anderen Punkt genannt, bei dem viele Hörer sicher aufgeschreckt sind: Ihre Forderung, keine weiteren Straßen mehr. Da kann ich mir vorstellen, da gibt es viele Leute, ja, endlich sagt es mal jemand. Aber wahrscheinlich eine noch viel größere Menge an Leuten, die sagen, das ist Spinnerei, das geht überhaupt nicht. Für wie realistisch halten Sie es, dass so ein Konzept, so eine Idee, keine weiteren neuen Straßen mehr, dass sich so etwas in Deutschland politisch durchsetzen lässt?

Kopatz: Meine Idee in Anführungszeichen müsste eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Wenn man sich selbst ernst nimmt beim Klimaschutz, ist das das Mindeste, was man fordern müsste. Ich bin schon verblüfft, wie man vorrechnen können will, dass man beim Klimaschutz Fortschritte erzielt auch im Verkehrsbereich bei dieser Expansion der Straßen und vor allen Dingen des Lkw-Verkehrs. Es ist völlig naiv, und wir brauchen mehr Menschen, die genau diese einfache Wahrheit aussprechen. Die große Selbsttäuschung ist ja, dass wir durch die ganze Mobilität, durch die Beschleunigung, dass wir auch immer weniger unterwegs sein müssen, weil ich ja zum Beispiel von Berlin nach Hamburg viel schneller komme als früher, und dann brauche ich nicht mehr drei Stunden in der Bahn sitzen hin und zurück, sondern nur noch zwei Stunden. Das ist ja total praktisch, aber tatsächlich ist es so, dass die Leute nicht weniger unterwegs sind, und zwar seit hundert Jahren. Wir sind heute genauso lange mobil, also pro Tag unterwegs, nämlich ungefähr 80 Minuten, wie zur Zeit der Postkutsche. Und das ist vielen gar nicht klar, dass diese ganzen Abkürzungen und schnelleren Straßenverbindungen und auch schnelleren Zugverbindungen, dass die letztlich nicht dazu geführt haben, dass wir weniger unterwegs sind. Und das gilt übrigens auch über alle Kulturen hinweg, auch in den USA oder in Staaten in Afrika sind die Menschen offenbar so im Schnitt bereit, 80 Minuten ihrer Zeit in Mobilität zu investieren. Und das tun sie. Sie fahren bloß weiter als bisher.«

(Deutschlandfunk, 08.08.2018, Photo by Deva Darshan on Unsplash)

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