Eine massive Abwanderungskultur

13 11 2013

13. November 2013 | mdr

Bevölkerungsschwund | Sachsen-Anhalt

In ländlichen Regionen Sachsen-Anhalts schrumpft die Bevölkerung dramatisch. Demografieforscher sprechen dabei von einer massiven Abwanderungskultur. Junge Menschen gehen zum Studium oder Job fort – insbesondere junge Frauen – und kehren nicht mehr zurück. Wie MDR INFO vorab erfuhr, fanden Forscher vom Leibniz-Institut für Länderkunde in einer neuen Studie heraus, dass es in ganz Europa nicht so schlecht aussieht wie in Sachsen-Anhalt.

„Drängend“ und „massiv problematisch“ nennt Tim Leibert die Lage in Sachsen-Anhalt. Er ist Demografieforscher am Leibniz-Institut für Länderkunde Leipzig. Er hat flächendeckend für Europa Bevölkerungsdaten verglichen und erzählt:

„Die Bevölkerung schrumpft sehr stark, altert dynamisch und auch die Abwanderung junger Menschen – insbesondere junger Frauen – ist sehr stark. Diese Kombination finden wir in der Stärke nirgendwo sonst in Europa.“ (Tim Leibert, Demografieforscher am Leibniz-Institut für Länderkunde Leipzig)

Kein Vertrauen in die Zukunft ihrer Heimat

Die noch unveröffentlichte Studie gehört zum „Women“-Projekt des Ministeriums für Landesentwicklung und Verkehr. Es schließt an eine Untersuchung aus dem vergangenen Jahr an. Diesmal geht es um praktische Ziele – um der schwierigen Bevölkerungsprognose zu begegnen. Dabei sei besonders das Image von Sachsen-Anhalt entscheidend. Die Forscher des Leibniz-Institutes sprechen von einer „Abwanderungskultur“: Junge Menschen hätten kein Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit ihrer Heimatregion. Auch viele Eltern raten: ‚Wenn du etwas werden willst, musst du es woanders versuchen.‘

Das schlechte Image hat sich verfestigt

Hohe Jugendarbeitslosigkeit, wenige Ausbildungsplätze – das waren Probleme der letzten zwei Jahrzehnte. Aber nun sei Sachsen-Anhalt längst besser als sein Ruf, sagt Tim Leibert: „Das Problem mit der Abwanderungskultur ist, dass sich die Wahrnehmung verstetigt hat. Wir haben einen Wandel, aber der hat sich nicht in der Aufmerksamkeit der Jugendlichen und im Image der Region niedergeschlagen.“

Die Menschen kehren nicht zurück

Generell haben ländliche Regionen ein Problem mit der Abwanderung. Aber anderswo wird sie ausgeglichen: Die Menschen kommen für die Arbeit zurück oder um eine Familie zu gründen. Das bleibe in Sachsen-Anhalt aus. Ein weiteres Problem: Auf 100 Männer kommen in vielen Landkreisen rund 70 Frauen. Angela Kolb ist – als einzige Frau im Kabinett – für die Genderdebatte zuständig, also für die Gleichbehandlung und Förderung von Frauen. Dass junge Menschen woanders hingehen, um zu studieren oder eine Ausbildung zu machen, findet sie normal: „Die Frage ist, warum sie nicht wieder zurück kommen. Ich glaube, an dem Punkt können wir zeigen, was es für attraktive Möglichkeiten gibt: Gerade hier in den neuen Bundesländern wollen Frauen Karriere und Familie – die Bedingungen dafür sind hier sehr gut.“

Bevölkerungsschwund wird weitergehen

Für alle Kinder ein Betreuungsplatz und familienfreundliche Unternehmen – das sei ein wichtiges Pfund für Sachsen-Anhalt. Außerdem müsse das Land stärker kommunizieren, wie viele freie Ausbildungsplätze und Jobs es mittlerweile gebe. Allerdings ändere das kurzfristig nichts, sagt der Demografieforscher Tim Leibert:

„Ich fürchte, das ist schwierig bis praktisch unmöglich. Durch die fehlenden Geburten in der Vergangenheit und durch die fehlenden Mütter, die schon abgewandert sind, ist im Prinzip vorgezeichnet, dass die Schrumpfung und die Alterung erst mal noch einige Zeit weitergehen wird.“

Nur langfristig ließe sich etwas ändern – eine geplante Imagekampagne des Ministeriums für Landesentwicklung und Verkehr ist ein möglicher Schritt. Außerdem empfehlen die Forscher, in Hochschulen und Kultur zu investieren, um junge Menschen im Land zu halten. Doch genau dort plant die Landesregierung derzeit, Millionen einzusparen.

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