Prognose: Sachsen-Anhalt vergreist

23 01 2010

MZ 23.02.10

VON STEFAN SAUER UND MICHAEL FALGOWSKI

Die Bevölkerung in Ostdeutschland wird bis zum Jahr 2060 sehr viel stärker abnehmen und altern als im Westen. Einer aktuellen Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden zufolge werden in 50 Jahren 37 Prozent weniger Menschen zwischen Rügen und Erzgebirge leben als heute, während die Bevölkerung in den westlichen Flächenländern nur um 19 Prozent zurückgehen wird.

Am stärksten vom Bevölkerungsschwund ist demnach Sachsen-Anhalt (Landesmotto: „Wir stehen früher auf“) betroffen, das einen Rückgang um 43 Prozent von 2,35 Millionen Einwohnern 2009 auf nurmehr 1,34 Millionen 2060 verkraften muss. Sachsen-Anhalts Minister für Landesentwicklung, Karl-Heinz Daehre (CDU), sieht in der Prognose keine zwangsläufige Entwicklung. „Wir müssen vor allem die jungen Frauen im Land halten. Dafür ist es entscheidend, so schnell wie möglich die Löhne auf dem Arbeitsmarkt zwischen Ost und West anzugleichen. Und warum sollten dann nicht auch Menschen aus anderen Regionen nach Sachsen-Anhalt kommen?“, sagte Daehre der MZ.

Im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW werden laut Prognose mit 14,23 Millionen rund 20 Prozent weniger Menschen leben als heute, für Bayern sagen die Statistiker einen Rückgang um 14,4 Prozent voraus. Die geringste Bevölkerungsabnahme verzeichnen den Berechnungen zufolge die Stadtstaaten Bremen, Berlin und vor allem Hamburg mit minus sechs Prozent bis 2060. Die deutsche Gesamtbevölkerung wird bis zu diesem Jahr von heute 82 Millionen auf 64,5 Millionen Menschen schrumpfen, von denen dann 51,2 Millionen in den westlichen und 8,2 Millionen in den östlichen Flächenländern leben werden.

Für die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme noch weitaus dramatischer ist die Abnahme des erwerbsfähigen Bevölkerungsanteils im Alter zwischen 20 bis 65 Jahren. In Sachsen-Anhalt kommen derzeit auf 100 Menschen dieser Altersgruppe 33,6 Menschen über 65 Jahren, in NRW sind es 30,9 Personen. Dieser „Altenquotient“ steigt an Elbe und Saale bis 2006 auf 74,1, an Rhein und Ruhr auf 64,7. Rechnet man die jungen Menschen unter 20 Jahren hinzu, wird 2060 auf einen Deutschen im erwerbsfähigen Alter ein Bewohner über 65 oder unter 20 Jahren kommen.

In Sachsen Anhalt, dem schon heute mit einem Durchschnittsalter von 45,9 Jahren „ältesten“ Bundesland, werden auf 100 Menschen zwischen 20 und 65 Jahren 104,5 jüngere und ältere Bewohner kommen, deren Ausbildung und Altersrenten finanziert werden müssen. In Thüringen und Brandenburg liegt das Verhältnis 2060 dann sogar bei 100 zu 110.

Wenig besser sieht es im Westen aus, wo auf 100 Erwerbsfähige zwischen 91 bis 100 jüngere und ältere Mitmenschen gezählt werden. Für ihre Prognosen legten die Statistiker eine gleich bleibende Geburtenquote von 1,4 Kindern pro Frau, einen jährlichen Einwanderungsüberschuss von 100000 Menschen sowie einen Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung auf 85 Jahre für neugeborene Jungen und und 89,2 Jahre für Mädchen zugrunde. Für die innerdeutsche Wanderungsbewegung, die 2009 im Saldo 48000 Menschen von Ost nach West ziehen ließ, nahmen die Experten bis 2030 ein Absinken auf Null an.

Für Sozial-Experten ist klar, dass ein solcher Wandel tiefgreifende Konsequenzen für die Finanzierung und Leistungsfähigkeit der Renten-, Pflege- und Krankenversicherung haben wird. Da die ostdeutschen Länder früher als der Westen auf den Wandel mit einem Umbau der Sozialsysteme reagieren müssten, könnten die alten Länder hiervon lernen, sagte Bevölkerungsforscher Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für Demografie in Rostock.

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