Daten zeigen innerstädtische Autofahrten als größte Belastung

17 10 2009

MZ 17.10.09

Stadt rückt vom geplanten dritten Saaleübergang ab – Verwaltung hält an Hochstraße fest

Weiträumige Umfahrungen wie der Autobahnring um Halle oder der immer wieder ins Gespräch gebrachte dritte Saaleübergang würden für den innerstädtischen Verkehr kaum Entlastungen bringen. Zu diesem Schluss kommt Planungs- und Baudezernent Thomas Pohlack nach der Auswertung der umstrittenen Verkehrszählung, die an 17 Standorten im Stadtgebiet am 6. Mai dieses Jahres vorgenommen worden war. „Es hat sich gezeigt, dass vor allem die Hochstraße deutlich weniger vom Durchgangsverkehr belastet ist, als ursprünglich angenommen“, sagte Pohlack am Freitag. So könnten von 15 127 Fahrzeugen, die am Tag der Verkehrszählung innerhalb von 16 Stunden dort gezählt wurden, gerade einmal 1 690 Autos dem reinen Durchgangsverkehr zugerechnet werden. „Der meiste Verkehr entsteht in Halle, da würde auch die dritte Saalebrücke kaum Entlastung bringen“, so der Dezernent.

Pohlack und seine Verkehrsplaner kommen nach der Auswertung der gewonnenen Daten zu dem Schluss, „dass die Hochstraße vorerst unverzichtbar bleibt“. Der Bau eines Tunnels an Stelle der wichtigen Verbindung zwischen westlichen Stadtteilen wie Neustadt, Nietleben, Dölau oder Heide-Süd und den nördlichen oder östlichen Gebieten würde mindestens 150 Millionen Euro kosten. „Das ist unverhältnismäßig teuer und wäre vermutlich selbst in 20 oder 30 Jahren nicht zu schaffen“, so Pohlack.

Auch ein dritter Saaleübergang im Süden der Stadt könne kaum Abhilfe schaffen. „Der würde nach unseren Berechnungen zwar gut angenommen werden – allerdings vor allem durch zusätzliche Autos aus der Region, die die Strecke als Abkürzung nutzen würden“, sagte Verkehrsplaner Rainer Möbius. Zwar hätte man sich vom Bau einer zusätzlichen Saalebrücke noch nicht gänzlich verabschiedet. „Aber nach den vorliegenden Daten behandeln wir das Thema nicht mehr vorrangig.“ Die Verkehrszählung habe zudem gezeigt, dass selbst die Fertigstellung der Autobahn 143 kaum Auswirkungen auf die Belastung der halleschen Straßen zeigen würde. „Das war aber auch nie das Hauptanliegen“, so Pohlack. Trotz allem setze er aus wirtschaftlicher Sicht auf den schnellen Bau des letzten Teilstücks der A 143.

Hauptziel der Zählung, bei der mit einem speziellen System die Kennzeichen der erfassten Fahrzeuge zunächst registriert und dann verschlüsselt wurden, war die Ermittlung der Belastung durch den Durchgangsverkehr in Halle (die MZ berichtete). Dabei wurde die Zeit gemessen, die ein Kraftfahrer braucht, um von einer Messstelle am Stadteingang zu einer weiteren am Stadtausgang zu gelangen.

Die Ergebnisse haben auch Auswirkungen auf die vom Landesverwaltungsamt vorgeschlagene Umweltzone. „Die Zone würde die Feinstaubbelastung in der Stadt kaum reduzieren, weil der Durchgangsverkehr ja nur ein Zehntel der kompletten Belastung ausmacht“, sagte Pohlack. Das habe die Verkehrszählung in der Paracelsusstraße gezeigt, in der sich eine Feinstaub-Messstation befindet. Da der meiste Verkehr innerhalb Halles entsteht, müsse nun untersucht werden, ob eine Umweltzone überhaupt zur Umleitung der Autos tauge.

Die Bürgerinitiative Hochstraße hatte unterdessen kritisiert, dass ihr die Ergebnisse der Verkehrszählung trotz Zusage von der Stadt nicht zur Verfügung gestellt wurden. „Das wird jetzt passieren“, so Pohlack.

Kommentar

Frank Czerwonn meint, dass die Ergebnisse der umstrittenen Verkehrszählung überraschend sind.

Die Verkehrszählung hatte heftige Diskussionen ausgelöst – von Sorgen um die Datensicherheit bis hin zur Frage nach dem Sinn der Aktion insgesamt reichte der Streit. Nun liegen die Ergebnisse vor, und bringen durchaus überraschende Konsequenzen für Halles Verkehrsplanung mit sich.

Ein Hauptargument für die Probleme auf den Straßen der Stadt war bisher der Durchgangsverkehr. Deshalb wurden Maßnahmen favorisiert, die diesen um die Stadt herumleiten sollten: dritte Saalebrücke, Osttangente, geschlossener Autobahnring. Die umstrittene Verkehrszählung aber hat erbracht, dass es vor allem hallesche Autofahrer sind, die die Verkehrsprobleme verursachen. Dadurch ändern sich plötzlich die Prioritäten, rückt zum Beispiel eine neue Saalequerung in ferne Zukunft. Stattdessen müssen die Planer nun neue Lösungen suchen, um den innerstädtischen Verkehr in geordneten Bahnen rollen zu lassen. Dass dabei die ungeliebte Hochstraße weiter eine Rolle spielen wird, ist ebenfalls ein Ergebnis der Verkehrszählung, mit dem wir vorerst leben müssen.

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