Der Naturpark und die Autobahn

30 06 2006

Landschaften von europäischer Bedeutung im Naturpark »Unteres Saaletal« und ihre Gefährdung durch den geplanten Bau der Autobahn A 143 –Stellungnahme im Jahr der Naturparke 2006

Am 21. Dezember 2005 wurde das Gebiet des Unteren Saaletals offiziell zum Naturpark erklärt. Damit hat sich ein Ziel erfüllt, für welches sich viele Menschen über Jahre hinweg eingesetzt haben. Der „Verband zur Landschaftspflege und zur Einrichtung eines Naturparks »Unteres Saaletal«“ wurde 1991 in Wettin gegründet. Nach 14 Jahren wurde das damalige Ziel erreicht. Einerseits ist dies erfreulich, stellt doch die Tatsache der Einrichtung eines Naturparks eine Anerkennung der besonderen Bedeutung dieser Landschaft dar, andererseits erscheint die nunmehrige offizielle Anerkennung des Naturparks in gewisser Weise als Ironie, angesichts der Gefahr die einem Teil des Naturparks durch den geplanten Bau des nördlichen Abschnittes der Autobahn A 143 droht.

Auf die drohende Gefahr der Zerstörung der Landschaft des Unteren Saaletals, insbesondere auch durch den Ausbau des Verkehrsnetzes, hat der „Verband zur Landschaftspflege und zur Einrichtung eines Naturparks »Unteres Saaletal«“ bereits 1992 hingewiesen. Ausdrücklich wird gefordert: „Autobahnen und mehrspurige Trassen sind in größtmöglicher Entfernung zu halten. Eventuelle Abzweige sind so zu legen, dass der Naturpark durch Autoverkehr nur unwesentlich in Mitleidenschaft gezogen werden kann.“ Es wird weiterhin die Wichtigkeit der Anwendung des Prinzips der Nachhaltigkeit im Hinblick auf die Nutzung der Landschaft betont und gefordert: „Oberstes Ziel aller öffentlichen und privaten Planungen und Maßnahmen muss es sein, die natürlichen Lebensgrundlagen im Unteren Saaletal zu sichern und zu verbessern und vor zerstörerischen Einflüssen aller Art nachhaltig zu schützen.“i

Die A 143 ist Teil der als Verkehrsprojekte Deutsche Einheit geplanten Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Diese Verkehrsprojekte wurden 1991 vom Bundeskabinett im Vorgriff auf den Bundesverkehrswegeplan von 1992, weitgehend ohne Beteiligung der davon Betroffenen, sowie von den tatsächlichen Bedingungen der betroffenen Landschaften abstrahierend, von weit weg und oben herab beschlossen.

Das geplante Autobahnteilstück würde einen Teil der einzigartigen Landschaft des Naturparks durchqueren und in unumkehrbarer Weise schädigen. Dadurch würden die Ziele des Naturparks, die darin bestehen sollen, die Landschaft zu erhalten und für einen sanften Tourismus zu nutzen, Raubbau an der Natur zu vermeiden, Naherholung und Naturschutz zu entwickeln und in der Region eine Balance von wirtschaftlicher Entwicklung und einem nachhaltigen Schutz der natürlichen Umwelt zu erreichen, in großem Ausmaß in Frage gestellt.

Die Aktivität zur Einrichtung eines Naturparks »Unteres Saaletal« war nicht die einzige Initiative die sich in den letzten Jahren für den Schutz dieses Raumes eingesetzt hat. Aufgrund der durch den geplanten Autobahnbau zu befürchtenden Beeinträchtigungen bildete sich eine Bürgerinitiative. Diese nutzte alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel um den Bau zumindest des nördlichen Teilstückes der A 143 zu verhindern. So organisierte sie u.a. Informations- und Protestveranstaltungen und verfasste Eingaben und Stellungnahmen im Verlauf des Raumordnungs- und Planungsprozesses.

Stützen konnte sie sich dabei unter anderem auf eine Initiative von Wissenschaftlern, die 1994 eine Denkschrift „Für eine bessere Bewertung der natürlichen Ressourcen in den neuen Bundesländern“ veröffentlicht hat. Darin wird bereits auf die große Problematik der möglichen Durchschneidung des geplanten Naturparks durch eine Autobahn und die „Gefahren einer Zerstörung unersetzlicher Naturschätze“ hingewiesen. Vorgeschlagen wird stattdessen: „Es wäre deshalb zu prüfen, ob einem erhöhten Verkehrsaufkommen nicht auch durch den Ausbau von Bundesstraßen Rechnung getragen werden könnte.“
Es wird eine „ökologisch orientierte Landschaftsplanung im Gebiet des Saaletales“ gefordert, bei der „das Gebiet aus der Gesamtheit seiner Strukturen betrachtet und auf Möglichkeiten nachhaltiger Landnutzung bei Erhaltung und Mehrung der natürlichen Ressourcen beurteilt werden soll“.
In der Denkschrift wird weiterhin ausgeführt: „Die Unterzeichner setzen sich für eine rechtzeitige breite wissenschaftliche Diskussion unter Einbeziehung aller Fachleute bereits im Stadium der Planung bei allen Maßnahmen zur Erschließung der Verkehrs- und Wirtschaftsräume in den neuen Bundesländern ein. Es sollten Wege und Ziele einer den natürlichen Ressourcen angepassten Nutzung und Entwicklung des mitteldeutschen Raumes deutlich gemacht werden, um den Schutz der Naturgüter mit vielfältigen, sozial verträglichen Wirtschaftsweisen zu verbinden, die nachhaltig Naturschätze und Arbeitsplätze erhalten und fördern. Dabei muss der gesamte Naturraum als Einheit betrachtet und die Planung als Gesamtheit konzipiert werden. Es ist nicht im Sinne einer langfristigen Entwicklung, nur von Fall zu Fall Einzelprojekte zu erörtern. Eine noch weitgehend erhaltene, hochwertige Landschaftsstruktur in den Ländern Sachsen-Anhalt und Thüringen ist das Saaletal. Es könnte deshalb als Modell für die Behandlung anderer Landschaftsräume dienen.“ii
Diese Denkschrift wurde von 37 Wissenschaftlern unterzeichnet, die für sich und ihre Einrichtungen die Bereitschaft zur Mitarbeit an den geforderten ökologisch orientierten Planungen erklärten.

Im Oktober 1996 äußerte sich die damalige Präsidentin des Regierungsbezirkes Halle, spätere Umweltministerin Sachsen-Anhalts und heutige Oberbürgermeisterin der Stadt Halle, Ingrid Häußler, auf einer Tagung an der Martin-Luther-Universität in Halle zur hier vorliegenden Problematik wie folgt: „Was macht den natürlichen Reichtum in unserem Regierungsbezirk Halle aus? Hier befinden sich europaweit einmalige Natur- und Kulturlandschaften mit hoher Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt, wie beispielsweise (…) die Porphyrlandschaft nördlich von Halle. (…) Es liegt in der Verantwortung aller Bürger (…), für den Erhalt und die Weitergabe wertvoller Naturraumausstattung an kommende Generationen zu sorgen, eine besondere Verantwortung ist hierbei der Verwaltung übertragen worden. (…)
Bei unvoreingenommener Betrachtung der bereits per Planfeststellung genehmigten oder in der Planung weit vorangeschrittenen Vorhaben zur Verkehrsinfrastruktur muss eingeschätzt werden, dass zugunsten einer Verbesserung der Bedingungen für den Straßen und Autobahnverkehr (…) beträchtliche Eingriffe in Natur und Landschaft in Kauf genommen werden. Nicht ausgleichbare Veränderungen einzelner Schutzgüter sind insbesondere bei der A 143 in den Porphyrgebieten bei Halle (…) zu erwarten.“iii

Die Bürgerinitiative initiierte 1999, fünf Jahre nach der Denkschrift, wiederum eine Petition „Wissenschaftler und Künstler für den Erhalt des Unteren Saaletals“, die sich ausdrücklich gegen den geplanten Bau des nördlichen Abschnittes der Autobahn A 143 – Westumfahrung Halle richtet. Hierin wird nochmals deutlich darauf hingewiesen, dass das Untere Saaletal eine der wertvollsten Landschaften Mitteldeutschlands darstellt. Dies wird durch die „äußerst reiche Naturausstattung“ und die besondere kulturhistorische und archäologische Bedeutung des Gebietes sowie durch seine herausragende Bedeutung für die Erholung als großflächig-naturnahe und relativ ungestörte Landschaft begründet. Es wird darin festgestellt: „Für das tatsächlich zu erwartende Verkehrsaufkommen würde ein Ausbau vorhandener Bundesstraßen genügen.“iv
Die Petition wurde von 86 Wissenschaftlern und Künstlern unterzeichnet.

Die Erhaltung der Landschaft des Unteren Saaletals bzw. besonders schützenswerter Teile darin (u.a. Porphyrlandschaft bei Gimritz/Brachwitz) werden im Landschaftsprogramm des Landes Sachsen-Anhalt (1994), im Landschaftsrahmenplan des Saalkreises (1996), im Regionalen Entwicklungsprogramm für den Regierungsbezirk Halle (1996) und im Gesetz über den Landesentwicklungsplan Sachsen-Anhalt (1999) ausdrücklich als Ziele festgelegt.v

Im Regionalen Entwicklungsprogramm für den Regierungsbezirk Halle (1996) und im Gesetz über den Landesentwicklungsplan Sachsen-Anhalt (1999) wird u.a. die Porphyrlandschaft bei Gimritz/Brachwitz als Vorranggebiet für Natur und Landschaft festgelegt, zugleich aber wird die Autobahn A 143 aufgeführt, ohne dass der Widerspruch, der sich daraus ergibt, in irgendeiner Weise thematisiert wird.vi

Vom Bundesamt für Naturschutz (1999) wird das Gebiet zu den unzerschnittenen, verkehrsarmen Räumen in Deutschland gezählt, denen eine besondere Bedeutung für den Naturschutz zukommt.vii

Der einmalige Wert des Naturraums wird sogar von den Planern der A 143 anerkannt: „Der nördliche Teilraum mit der Porphyrlandschaft Brachwitz – Friedrichsschwerz – Gimritz im Zentrum ist bislang eine unzerschnittene Offenlandschaft mit einer überaus reichhaltigen Artenausstattung von kontinentaler Prägung.(…) Hervorzuheben ist, dass es nirgendwo in Deutschland einen derart reich ausgestatteten Lebensraum kontinentaler Prägung gibt, es sich also um höchstes Schutzgut handelt.“viii

Von den Planern wird ebenfalls anerkannt, dass es keinen sogenannten »konfliktarmen Korridor« für die geplante Autobahn A 143 gibt: „Im Hinblick auf die Anbindung an die A 14 nördlich von Halle ergibt sich ein relativ stadtferner Korridor südlich von Gimritz über Salzmünde und Bennstedt in Richtung Bad Lauchstädt. … [Es] ist festzustellen, dass in diesem Abschnitt kein »konfliktarmer Korridor« im wörtlichen Sinne ermittelt werden kann. … Alle Varianten zerschneiden das LSG »Saale« sowie den geplanten Naturpark in etwa gleicher Weise und sind daher grundsätzlich in gleicher Weise ungünstig.“ und dass alle Eingriffe nicht ausgleichbar sind: „Jegliche Eingriffe, insbesondere Zerschneidung zusammenhängender Lebensräume mit vielfältigen Austauschbeziehungen auf Dauer sind nicht ausgleichbar.“ix

Die Landesplanerische Beurteilung zur A 143 als Abschluss des Raumordnungsverfahrens bewertet die Ergebnisse der UVS wie folgt: „Der Verbleib äußerst hoher Restrisiken (der Vorzugsvariante) vor allem im Bereich der Standorte des Halleschen Porphyr- und Lieskauer Muschelkalkgebietes, stellt eine akute, nicht kalkulierbare Gefährdung für eine Vielzahl seltener bzw. bestandsbedrohter Pflanzen und Tierarten dar. Schutzgutbezogen wird in der UVS wiederholt belegt, dass der Eingriff in Biotope, Boden, Wasser, Kultur- und Sachgüter, Landwirtschaft und Erholung trotz Minimierung nicht ausgleichbar ist.“
„Die Folgen der Trassenführung sind für die hoch schutzwürdigen Gebiete (nördlich Bennstedt bis Lieskau, Porphyrgebiet Gimritz) weder durch Ausgleichs- noch durch Ersatzmaßnahmen zu beheben oder entscheidend zu mindern.“
Die Landesplanerische Beurteilung stellt daher fest: „Aus Sicht des Naturschutzes ist das Vorhaben nicht vertretbar.“x

Dies alles ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass die A 143 lediglich eine »Ergänzung« der Südharzautobahn A 38 darstellt und für deren Zweck, eine leistungsfähige Verkehrsverbindung zwischen den Räumen Halle/Leipzig und Kassel/Göttingen herzustellen, gar nicht notwendig ist. Die A 143 ist also nur für regionale und lokale Ziele von Bedeutung, welche erst im Verlauf des Planungsprozesses zusätzlich aufgenommen wurden. Für diese regionalen Ziele bestehen zudem Alternativen, d.h. die Ziele der A 143 können auf anderem Wege erreicht werden, welche sogar in ihrer verkehrlichen Wirkung effektiver und dabei auch noch kostengünstiger sind als die Autobahn.xi

Nachdem alle politischen Mittel, um gegen den Bau der Autobahn vorzugehen, praktisch ausgeschöpft waren, hat das Landesverwaltungsamt durch Planfeststellungsbeschluss am 18.5.2005 die Baugenehmigung für die A 143 erteilt. Der einzige verwaltungstechnische Weg, der noch verbleibt um den Bau der Autobahn zu verhindern ist eine gerichtliche Entscheidung. Es hat daher der Naturschutzbund Halle mit Unterstützung des Bürgervereins Saaletal eine Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht.xii

Nach dieser Betrachtung der Problematik der geplanten Autobahn A 143, besonders ihres geplanten nördlichen Teilstückes sieht es so aus, dass viele Vertreter aus der Region, darunter Wissenschaftler, die fachlich mit inhaltlich relevanten Thematiken befasst sind, Künstler, Politiker, betroffene Bürger, Naturschützer, aber auch teilweise selbst die Planer, dem Autobahnbauprojekt kritisch gegenüberstehen oder es ablehnen. Dagegen steht eine Entscheidung, welche vor 15 Jahren vom damaligen Bundeskabinett über die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit, in Unkenntnis der daraus sich möglicherweise ergebenden Folgen, getroffen wurde. Alle wissenschaftliche, künstlerische, naturschützerische, intellektuelle, ethische, und praktische Vernunft und Kompetenz, die in dieser Zeit aufgewendet wurde, um dieses unsinnige und naturzerstörende Vorhaben zu verhindern, scheint nutzlos gewesen zu sein. An dem einmal gefassten Beschluss wurde von den zuständigen Behörden, entgegen aller Vernunft und scheinbar unbeeindruckt, festgehalten. Der Verwaltungsapparat erscheint dabei tatsächlich als eine Art unaufhaltsamer Maschinerie.

Nun ist der Naturpark „Unteres Saaletal“ tatsächlich auch zur verwaltungstechnischen Realität geworden. Damit sind noch einmal neue interessante Aspekte zu der Problematik hinzugekommen. Naturparke waren ursprünglich auf eine Gleichrangigkeit von Naturschutz und Erholung ausgerichtet. Mit der Novellierung des Bundesnaturschutzgesetzes 2002 sind die bisherigen Zwecke von Naturparken um neue Aufgaben (nachhaltiger Tourismus, dauerhaft umweltgerechte Landnutzung, nachhaltige Regionalentwicklung) erweitert worden. Es ist nun also gesetzlich vorgeschrieben die Prinzipien der Nachhaltigkeit ausdrücklich auch im Bereich der Naturparke anzuwenden, wie es schon zehn Jahre zuvor in der Veröffentlichung des „Verbandes zur Landschaftspflege und zur Einrichtung eines Naturparks »Unteres Saaletal«“ zu seinen Zielen gefordert wurde.

Die Perspektive der Nachhaltigkeit wäre nun also noch einmal ausdrücklich auch auf den geplanten Autobahnbau durch den Naturpark anzuwenden. Der Aspekt der Nachhaltigkeit wurde in der Auseinandersetzung in dieser Sache bisher überhaupt noch nicht entsprechend seiner Bedeutung berücksichtigt, obwohl er der Sache nach bereits seit 1994 mit dem Umweltstaatsziel (Artikel 20a) im Grundgesetz enthalten ist.xiii In Sachsen-Anhalt steht sogar schon seit 1992 in der Landesverfassung, an herausgehobener Stelle, nämlich in Artikel 2, der die Grundlagen des Landes benennt, im ersten Anschnitt: „Das Land Sachsen-Anhalt ist ein demokratischer, sozialer und dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verpflichteter Rechtsstaat.“ Seit 1998 ist das Prinzip der Nachhaltigkeit mit dem novellierten Raumordnungsgesetz auch ausdrücklich für die Raumplanung gesetzlich vorgeschrieben. Somit ergibt sich nun, in vierfach begründeter und gesetzlich vorgeschriebener Form, die Notwendigkeit, die Grundsätze der Nachhaltigkeit in dieser Sache anzuwenden.

Die Bedeutung von Nachhaltigkeit bzw. Nachhaltiger Entwicklung ist in ihrer Konsequenz bis heute von der Politik, der Verwaltung und weiten Teilen der Bevölkerung offenbar nicht vollständig verstanden worden. Dies hat die Politik und die Verwaltung, ebenso wie viele andere Vertreter aller möglicher Anliegen, darunter sehr viele auch aus dem wirtschaftlichen Bereich, aber nicht gehindert das Prinzip der Nachhaltigkeit für sich zu beanspruchen und sogar in Gesetze und Verordnungen zu übernehmen. Es scheint so, als wird Nachhaltigkeit als eine Art Etikett verwendet, ohne sich genau darüber im Klaren zu sein, was damit eigentlich gemeint und somit festgelegt wird. Nachhaltigkeit ist nicht mit dem gleichzusetzen, was in den meisten Fällen wohl darunter verstanden wird, nämlich irgendeiner Art mehr oder weniger zusammenhängender Verbindung von wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Entwicklung.

Grundlegend für das, was Nachhaltigkeit beinhaltet, ist die Begriffsbestimmung der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung im sogenannten Brundtlandbericht von 1987. Diese lautet: „Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.
Zwei Schlüsselkonzepte sind von zentraler Bedeutung:
-das Konzept der Bedürfnisse, insbesondere der Grundbedürfnisse der Ärmsten der Welt, die vordringliche Priorität haben sollten; und
-die Idee der Grenzen, die durch den Stand der Technologie und der sozialen Organisation der Fähigkeit der Umwelt auferlegt werden, gegenwärtige und zukünftige Bedürfnisse zu befriedigen.“xiv
Dieser Begriffsbestimmung enthält die grundlegenden Ziele nachhaltiger Entwicklung, die intragenerative und die intergenerative Gerechtigkeit. Diese sind auf das grundsätzliche Anliegen der Kommission, die Bereiche Umwelt und Entwicklung, bezogen. Diese Bestimmung des Nachhaltigkeitsbegriffs zeigt, dass damit etwas mehr verbunden ist als eine irgendwie geartete, diffuse Verbindung von Ökonomie, Ökologie und Sozialem.

Das Ziel der intergenerativen Gerechtigkeit hinsichtlich der Umwelt- und Entwicklungsbedingungen enthält den Anspruch der dauerhaften Aufrechterhaltung der Entwicklungsmöglichkeiten. Es besagt, dass den künftigen Generationen gleichwertige Entwicklungs- und Umweltbedingungen zu Verfügung stehen sollen, wie den heutigen. Die Qualität der Natur muss folglich erhalten bzw. verbessert werden, um eine dauerhafte Entwicklung menschlicher Gesellschaften auf der Erde zu ermöglichen. Das Grundprinzip der Nachhaltigkeit ist demnach, dass die natürlichen Lebensgrundlagen nur so genutzt werden können, dass sie dauerhaft erhalten bleiben.

Ein weiteres fundamentales Prinzip, welches im Brundtlandbericht und in der Rio-Deklaration Anerkennung findet, ist der Grundsatz der intragenerativen Gerechtigkeit. Damit wird der gesamten Menschheit, d.h. jedem einzelnen Menschen, ein gleiches Recht auf Entwicklung, sowie ein Anspruch auf gerechte Erfüllung der Entwicklungs- und Umweltbedürfnisse, eingeräumt. Dies ist die notwendig folgende ethische Konsequenz aus der Einsicht in die Begrenztheit der Nutzung der natürlichen Lebensgrundlagen. Die nachhaltige Nutzung der begrenzten natürlichen Lebensgrundlagen gebietet demnach ein gleichberechtigtes Verhältnis in dieser Nutzung.

Dies, und nichts anderes, ist im Kern die Konsequenz daraus, wenn Nachhaltigkeit oder Nachhaltige Entwicklung als Ziele in Gesetzen, Verordnungen oder anderen Verlautbarungen festgelegt werden. Dies gilt es nun zu berücksichtigen, in Sachsen-Anhalt, in der Bundesrepublik Deutschland, in der gesamten Europäischen Union, sowie in allen anderen Ländern, die derartige Ziele gesetzlich festgelegt haben, so auch im Unteren Saaletal.

Der geplante Autobahnbau steht nun in eindeutigem Widerspruch zum Ziel einer Nachhaltigen Entwicklung. Der weitere Ausbau des Straßenverkehrs, insbesondere des Autobahnnetzes, ist mit einer Nachhaltigen Entwicklung nicht zu vereinbaren. Der Ressourcen- und Energieverbrauch, sowie die Landschaftszerstörung allein durch den Bau wären unwiederbringliche Verluste, die durch den Zweck nicht zu rechtfertigen sind. Denn der Zweck von Autobahnen, der Betrieb, ist ebenfalls nicht nachhaltig, da er zu einem immensen Verbrauch von Ressourcen und Energie und einem damit verbundenen sehr hohen Ausstoß von Schadstoffen führt. Im Sinne von Nachhaltiger Entwicklung müsste der Straßenverkehr, zumindest in seiner heutigen Form, reduziert werden und Autobahnen müssten stillgelegt werden. Aus der Perspektive der Nachhaltigkeit ist der Bau von Autobahnen daher kontraproduktiv und somit abzulehnen.

Ein weiterer Aspekt, der auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun hat und in der bisherigen Diskussion noch kaum berücksichtigt wurde, betrifft den kulturhistorischen Wert der Landschaft des Unteren Saaletals. Derzeit finden in dem Bereich, in dem die Autobahn geplant ist, archäologische Untersuchungen und Ausgrabungen statt. Schon die ersten Ergebnisse dieser Arbeiten bestätigen noch einmal den außerordentlichen Reichtum dieser Region an Zeugnissen vergangener kultureller Epochen. Dieses Land gehört zum ältesten besiedelten Land in Mitteleuropa. Salzmünde, wo hindurch die Autobahn geplant ist und wo auch die archäologischen Grabungen begonnen haben, ist der namengebende Fundort der Salzmünder Kultur, einer Kulturgruppe der mittleren Jungsteinzeit. Die Umgebung dieses Ortes, sowie auf der anderen Seite der Saale, die Umgebung von Brachwitz und Gimritz, ist ungewöhnlich reich an archäologischen Fundstellen und Denkmalen. Es wäre sicher gerechtfertigt das jungsteinzeitliche Erdwerk von Salzmünde und weitere archäologische Denkmale der Umgebung in das touristische Projekt „Himmelswege“ in Sachsen-Anhalt mit einzubeziehen, welches bisher das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, den Fundort der Himmelsscheibe von Nebra auf dem Mittelberg bei Wangen, das Sonnenobservatorium in Goseck und die Dolmengöttin in Langeneichstädt umfaßt.
In der oben bereits erwähnten Veröffentlichung des „Verbandes zur Landschaftspflege und zur Einrichtung eines Naturparks »Unteres Saaletal«“ sind sehr klare Hinweise auf den Umgang mit archäologischen Denkmalen enthalten: „Die archäologischen Denkmale sind als Kulturdenkmale geschützt. Sie dürfen weder zerstört, noch bebaut, noch ihre landschaftliche Wirkung verändert werden. Bei allen Baumaßnahmen ist dies zu berücksichtigen. Durch die Sicherung des Naturparks als Ganzes ist zu garantieren, dass der kulturlandschaftliche Zusammenhang, in den die archäologischen Einzelobjekte zu stellen sind, erhalten bleibt und gefördert wird. Die archäologischen Objekte sind Gegenstand einer geplanten Forschung und einer auf das ganzheitliche Denken orientierten Wissensvermittlung. Es ist ein Wertbewusstsein der Objekte für die Landschaft zu schaffen.“xv

Es hat sich im Bereich des Unteren Saaletals eine Kulturlandschaft erhalten, wie sonst kaum noch einmal in diesem Raum. Die kulturhistorischen und archäologischen Denkmale sind einzigartige Zeugnisse, welche die Gestalt vergangener Kulturlandschaften erahnen lassen. Sie sind somit auch Hinweise auf das Verhältnis früherer Kulturen zu Landschaft und Natur. Bei der Betrachtung solcher Erscheinungen in der Landschaft des Unteren Saaletals, den Standorten ehemaliger Siedlungen, prähistorischer Gräber und Menhire, sowie den Namen die in der Landschaft auftreten, ergibt sich das Bild einer sehr engen Beziehung von früheren Kulturen zur Landschaft und zur Natur, wobei die Landschaft teilweise sakralen Charakter hatte. Ein gewisses Gefühl und ein Verständnis dieser Beziehung zur Landschaft in früheren Kulturen lässt sich an solchen Orten noch erlangen.

Von den Verwaltungsbeamten, Politikern und Planern haben wahrscheinlich die wenigsten jemals einen Schritt in die Landschaft, welche sie zu zerstören sich anschicken, getan. Hätten sie dies, würde ihr Urteil und ihr Handeln vielleicht ein anderes sein. Ich habe eine sehr enge persönliche Beziehung zu dieser Landschaft. Mein Herz hängt an ihr. So ist es für mich als würde damit ein Teil meiner selbst von der Zerstörung bedroht.

All das Geschilderte zusammengenommen, die ungeheure Ignoranz die hierbei zum Ausdruck kommt, führt zu großer Verzweiflung. Verzweiflung kann fruchtbar sein oder zerstörerisch, sie kann sehr weit tragen oder in den Abgrund führen. Die amerikanische Ökophilosophin Joanna Macy sagt über die Verzweiflung angesichts ökologischer Zerstörungen: „Dieser Schmerz zeugt nicht von Wahnsinn, sondern von der Einheit des Lebens, von der tiefen wechselseitigen Verbundenheit, die uns zu allen Lebewesen in Beziehung setzt. […] Unsere Verzweiflung, wenn wir sie »verdauen«, gibt uns Authentizität und die Energie, die unsere Träume beflügelt.“xvi Sie meint, dass sich die Verzweiflung und das Ohnmachtgefühl in Bezug auf den Zustand der Welt, wenn sie zugelassen und angenommen werden, in Mitgefühl, Mut und Kraft verwandeln. Jedenfalls veranlasst Verzweiflung immer auch eine gewisse Radikalisierung, da die Suche nach Alternativen weiter und tiefer getrieben werden muss. Dies kann durchaus fruchtbar sein und weiter führen, wenn es im emanzipatorischen Sinne geschieht, denn der Mut der Verzweiflung macht auch bisher nicht für möglich gehaltene Wege denkbar.

Bisher ist die Autobahn nicht gebaut. Es wurde lediglich mit archäologischen Ausgrabungen in Salzmünde begonnen. Es ist also noch nicht zu spät die Entscheidung für den Bau der Autobahn durch den Naturpark »Unteres Saaletal« aufzuheben und Alternativen zu diesem ökologisch, nachhaltig und kulturhistorisch widersinnigem Vorhaben umzusetzen.

Julian Kuppe, Juni 2006

(integral development)

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